Abgesagt mangels verkaufter Karten, verlegt in eine kleinere Halle – in Fulda kommt es nicht selten vor, dass Veranstaltungen mit Nachwuchskünstlern, die gerade erst durchstarten, um jeden Besucher kämpfen müssen. Aber woran liegt das? Wir haben Kulturschaffende aus der Region gefragt.

Freitagabend. Ich sitze in einer Kneipe im Fuldaer Bermudadreieck, ziehe an meiner Zigarette und habe gerade ein Bier bestellt. Vom Nachbartisch schnappe ich ein angeregtes Gespräch zum Thema „Kulturwüste Fulda“, auf. Der etwa Mitte 50-Jährige mit Halbglatze und Vollbart raunt seinem deutlich jüngeren Begleiter entgegen: „Weißt du Junge, ich komme aus dem Pott, bin neu hier – und es ist nix los. Letzte Woche hatte ich eine Karte für ein Kabarettprogramm. Wir waren nichtmal 16 Leute. Vor zwei Wochen bei einem Jazz-Konzert genau das Gleiche. Warum ist das so?“ Sein Gegenüber trinkt einen Schluck und entgegnet trocken: „Das ist halt Fulda, die großen Hallen sind voll, und der Rest juckt keinen.“ Er hätte schon länger aufgehört, die Eigenarten des Fuldaer Publikums zu hinterfragen.

Ich war mit dem Veranstaltungsangebot in der Region bislang eigentlich ganz zufrieden, und über das Publikum habe ich mir nie große Gedanken gemacht. Vielleicht hatte der ältere Neufuldaer einfach zweimal Pech in Folge und dadurch einen falschen Eindruck bekommen. Lag es am Datum, der Location, oder hat sich die Popularität des Künstlers noch nicht bis hierher rumgesprochen? „Andere Gästehaben mir in der Pause erzählt, dass sie extra aus dem Main-Kinzig-Kreis, Kassel und Würzburg angereist sind, obwohl es vor Ort ein bunt gefächertes Programm gibt“, höre ich von meinem Sitznachbarn.

Heike Böcke (53) aus Fulda steht seit über 20 Jahren als Moderatorin und Comedienne auf der Bühne. Außerdem ist sie Autorin von fünf Lyrikbänden.

Die Kleinkunst kämpft um Zuschauer

Schnell entsteht der Eindruck: Der böse Fuldaer ist Schuld, dass manche Veranstaltungen nicht so gut besucht sind wie in anderen Städten. Wobei es viele Gegenbeispiele gibt: Musicalsommer, Domplatzkonzerte, Esperanto-Halle, Orangerie undKreuz sind gut gebucht – und das bei Preisen zwischen 17 und 145 Euro pro Ticket.

Andere Formate wie das Propsteifestival und das Rhön-Rock-Open-Air sowie diverse Jamsessions und Open Stages kämpfen um Zuschauer. Viele Kleinkunst-Veranstaltungen nicht ganz unbekannter Künstler müssen wegen zu wenig verkaufter Tickets abgesagt werden.

Vielleicht interessiert sich der Einheimische einfach gar nicht für Kultur? Muss ein Künstler erst im Fernsehen rauf- und runterlaufen, bis der „fölsche Jong“ beschließt, die Stammkneipe oder Couch gegen ein Kleinkunstevent zu tauschen? Vielleicht ist auch die Presse schuld? Da wird bestimmt nur umfangreich angekündigt, wenn ein „Großer“ kommt und die anderen nur mit einer kleinen Spalte abgefrühstückt … Stimmt auch nicht. Fuldaer werden hier in der Regel gut unterstützt und auch auswärtige Künstler in den Terminkalendern erwähnt. Wenn man gezielt sucht, findet man spannende Veranstaltungen. Fulda hat etwas zu bieten.

Frank Tischer (50) aus Fulda ist seit 1984 als Musiker und Komponist mit verschiedenen Projekten in ganz Deutschland unterwegs.

Kleinkunst ist live am Schönsten

Woran liegt es dann, dass das Fuldaer Publikum manche Angebote gänzlich meidet? Bei den Künstlern stoße ich auf offene Ohren. Die Veranstalter hingegen halten sich bedeckt mit Erklärungsversuchen. Man wolle sich sein Publikum nicht vergraulen, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Wolf Mihm (50) aus Fulda steht seit 30 Jahren als Gitarrist, Sänger und Darsteller auf der Bühne – 22 Jahre davon als Teil des Kabarettduos Wolf & Bleuel. Seit 2014 ist er aktiv als Bühnencoach und Regisseur vom Solokabarett bis zum Ensemble.

Wie gut ist Fuldas Kulturszene im Vergleich zu anderen Städten aufgestellt?

Wolf Mihm
Welche Kulturszene? Klar, es gibt regionale Kultur, aber leider keine Szene. Das bedauere ich schon sehr. Die Musiker der Region sind schon dadurch, dass sie sich gelegentlich aushelfen, viel besser vernetzt. Durch gelegentliche Jamsessions wird das auch gepflegt. Im darstellenden Bereich fehlt so etwas leider komplett.

Frank Tischer
Als ich mit Musik anfing, in die Öffentlichkeit zu treten, das war in den 80ern, da hatte Fulda eine bemerkenswerte Musikszene, obwohl wir als Provinzstädtchen im Zonenrandgebiet gerne belächelt wurden. Aber nahezu jede Musikrichtung war mit richtig guten Bands besetzt, das ging bis weit in die 90er hinein. Schön, dass manche Musiker/Bands von damals immer noch aktiv sein können und es wie Edguy zu Weltruhm gebracht haben. Die Entwicklung ab den 2000ern habe ich nicht mehr so mitbekommen, da ich überwiegend außerhalb von Fulda unterwegs und daher kein wirklich aktiver Teil der Fuldaer Musikszene mehr bin.

Ullich Steybe
Ich habe nur wenig Vergleichsmöglichkeiten. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Szene zum einen nicht besonders gut vernetzt ist und sich sehr viele unterschiedliche Gruppierungen gebildet haben. Zum anderen scheint mir gerade in der Kleinkunstszene nur wenig Nachwuchs dazu zu kommen, oder ich bekomme nichts von dem mit. Generell kann man aber sagen, dass Fulda hervorragende Künstler aufzuweisen hat, die ihre Kunst mit hohem Niveau präsentieren.

Heike Böcke
Fuldas Kulturszene ist gut aufgestellt, aber die Fuldaer wissen das entweder nicht oder nutzen es nicht. Warum sonst geht der Fuldaer zu Großraumveranstaltungen, aber nicht zu Kleinkunstveranstaltungen?

Ullich Steybe (47) ist Comedykellner, Jongleur und Zirkuspädagoge. Mit seinen Shows bespielt er seit über 20 Jahren die Bühnen der Republik.

Beschreibe das Fuldaer Publikum!

Wolf Mihm
Es ist statistisch zwischen 172 und 186 Zentimeter groß und besteht zu 70 Prozent aus Frauen, 26 Prozent Männern und 4 Prozent Sonstigen. Mit Wolf & Bleuel hatten wir von Anfang an eine treue und stetig wachsende Homebase, die auch offen war für unsere Experimente. Also nach meiner Erfahrung alles gut. Für neue unbekanntere Künstler ist es sicher schwer, hier ein Publikum zu finden – Bôs der Rhöner net kennt, dôs frisst hä net. Diesbezüglich könnte das Publikum sicher neugieriger und risikofreudiger sein.

Frank Tischer
Es wird immer schwerer, ein Publikum zu motivieren, sich Zeit zu nehmen, auf den Weg zu machen und eine Veranstaltung zu besuchen. Das ist auch in Fulda nicht leichter geworden. Das ist wohl leider der Geist der Zeit. Man muss aber fairerweise auch sagen, dass es ein Überangebot an Festen, Partys und Events gibt. Eine Dauerberieselung, dass man gar nicht mehr weiß, wo man hin will. Unverständlich hingegen ist mir aber, wenn es heißt, in Fulda wird nichts geboten.

Ullich Steybe
Ich sehe da keinen großen Unterschied zu anderen Städten. Allerdings bin ich als jemand, der vorwiegend auf geschlossenen Veranstaltungen unterwegs ist, auch kein Maßstab.

Heike Böcke
Es heißt ja immer: „Was der Fuldaer nicht kennt, will er nicht.“ Das stimmt, denke ich, zu einem gewissen Maß; aber es ist auch nicht anders als in anderen Städten. Und man sollte das Publikum auf keinen Fall über einen Kamm scheren. Wie überall ist da jeder verschieden.

Kleinkunst ist live am schönsten und kann mit der Maschinerie, die täglich im Fernsehen läuft, nicht im Ansatz verglichen werden. Natürlich interessiert sich nicht jeder dafür. Aber es mangelt oft auch ein bisschen an der Lust, etwas Neues zu entdecken, sich auch mal überraschen zu lassen. Deshalb werden eher die Veranstaltungen besucht, bei denen man genau weiß, was auf einen zukommt. In Fulda gibt es mittlerweile viele tolle Veranstaltungen abseits der großen Bühne. Also runter von der Couch – und ab geht‘s!

Die ganze Geschichte findest du in der Oktoberausgabe des Magazins und in der App.

QuelleFoto: @Minerva Studio/Fotolia
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