Leben von Hartz IV: Dass da keine großen Sprünge möglich sind, weiß jeder. Wie so ein Leben konkret aussieht, wissen jedoch nur die Betroffenen. Malina und Sascha wollten einen Einblick in diese Welt gewinnen und haben eine Woche von Hartz IV gelebt.

Hartz IV ist jedem ein Begriff. In die Lage, diese Hilfe vom Staat in Anspruch nehmen zu müssen, geraten zum Glück die wenigsten. Dennoch waren vergangenen Dezember im Landkreis Fulda 8860 Menschen von Hartz IV – Leistungen nach dem Zweiten Buch des Sozialgesetztbuches (SGB II) – abhängig. Immerhin: Das sind knapp 200 weniger als vier Jahre zuvor, wie aus Statistiken des Kreises hervorgeht.

Seit dem ersten Januar dieses Jahres haben sie ein paar Euro mehr zum Leben. Der Regelsatz (ohne Miete) stieg um fünf Euro auf 409 Euro im Monat. Ob damit mehr als Überleben möglich ist? Um der Antwort näher zu kommen, haben Sascha und Malina eine Woche von Hartz IV gelebt.

Hartz IV: So setzt sich der Regelsatz zusammen

Rücklagen für den Notfall

Neben Kosten für Strom, Lebensmittel und Telefon berücksichtigt der Bedarf Ausgaben, die nicht jede Woche oder jeden Monat anfallen.

Malina und Sascha haben für ihr Experiment diese Posten – Kleidung, Haushaltsgeräte, Gesundheitspflege und Bildung – abgezogen. Das Geld haben sie praktisch für den Notfall zurückgelegt.

Expertin hat Zweifel

Ob das in der Praxis funktioniert? Monika Niestroj hat daran Zweifel. Sie arbeitet bei der Sozial- und Lebensberatung des Caritasverbandes für die Regionen Fulda und Geisa. Niestroj und ihre Kollegen betreuen unter anderem Menschen, die von Hartz IV leben.

Monika Niestroj kümmert sich um Menschen, die Hartz IV beziehen.

„Wenn der Kühlschrank kaputt geht, kostet ein neuer ein paar Hundert Euro“, sagt sie. „Der Regelsatz reicht dann vorne und hinten nicht. Aus meiner Erfahrung gelingt es nicht, einen Teil davon für den Notfall zu sparen.“ Auch wenn es sicher ein paar gebe, die fünf oder zehn Euro zur Seite legen würden.

Malina und Sascha versuchen es trotzdem. Sie lassen ihr Budget schrumpfen. Ob sie damit zurechtkommen?

Nach Abzug aller Posten für unregelmäßige Ausgaben bleiben ihnen für einen Monat 324,50 Euro. Da Hartz-IV-Empfänger monatlich 100 Euro verdienen können, ohne dass ihre Hartz-IV-Auszahlung sinkt, steigt der Betrag auf 424,50 Euro – also über den Regelsatz.

Macht auf sieben Tage des 31-Tage-Monats Januar heruntergerechnet 95,85 Euro, mit denen Malina und Sascha über die Runden kommen müssen.

Eine Woche Hartz IV: Berechnung unseres Budgets

Hartz-IV-Regelsatz 409 Euro
abzgl. Kleidung: 34,36 Euro
abzgl. Innenausstattung: 31,00 Euro
abzgl. Gesundheitspflege: 17,59 Euro
abzgl. Bildung: 1,55 Euro
zzgl. Verdienst: 100,00 Euro
Monatsbudget: 424,50 Euro
Budget für sieben Tage: 95,85 Euro

Auf den ersten Blick nicht so wenig

95,85 Euro klingen auf den ersten Blick gar nicht so wenig für einen Menschen, der nur sich versorgen muss.

Ausgaben für Strom, Handy, Internet, Kabelfernsehen und Abos (Zeitungen bzw. Netflix) – darauf wollen beide nicht verzichten – schmälern den Betrag, den Malina und Sascha für Lebensmittel und auch einmal einen Kaffee in einem Lokal übrig haben.

Ihr bleiben 50 Euro. Ihm immerhin 66 Euro.

Hilfe beim Sparen

„Bei den Energiekosten können SGB-II-Empfänger viel sparen. Der Caritasverband hilft ihnen mit einem Energiecheck. Pro Haushalt sind bis 190 Euro Ersparnis im Jahr drin.“
(Monika Niestroj, Caritasverband für die Regionen Fulda und Geisa)

Deprimierende erste Bilanz

Am ersten Tag hat Sascha erst einmal für die Folgetage eingekauft. Brot, Eier, Käse, Aufschnitt, Gemüse, Fleisch: Was man eben so braucht.

Die deprimierende Bilanz: Für den Rest der Woche bleiben ihm noch 32 Euro.

Malina hingegen lebt von Tag zu Tag. Sie kauft häppchenweise ein. Was ihr bereits am ersten Tag klar wird: „Mein Süßigkeitenkonsum geht mit meinem Budget nicht Konform.“ Zum Glück sorgen die Kollegen für Nachschub.

Erste Bestandsaufnahme von Sascha und Malina

Sascha nach Tag 1: "Die Hälfte ist schon weg"

Malina startet in Tag 2: "Leider beim Bäcker gewesen"

Eine Handvoll Münzen

Mit wie wenig Hartz-IV-Bezieher auskommen müssen, verdeutlicht eine einfache Rechnung. Würde Sascha seinen Lebensstil fortführen, blieben ihm gerade einmal 3,90 Euro in der Woche für Lebensmittel.

Er geht zweimal die Woche in der Mittagspause essen, geht am Wochenende aus, hat ein Sky-Sport-Abo, ist Mitglied in einem Fitnessstudio und kauft sich regelmäßig Schallplatten. Darauf verzichtet Sascha eine Woche lang.

Zwischenfazit nach drei Tagen

Was die Ernährung angeht, hat sich für ihn bis Mitte der Woche hingegen wenig geändert. Klar, er ist nicht essen gegangen. Aber beim Einkauf hat er keine großen Abstriche gemacht.

Für die Mittagspausen hat Sascha daheim vorgekocht – größtenteils mit frischen Zutaten. Bioprodukte standen jedoch nur in Ausnahmen auf dem Speiseplan.

Bio geht mit Hartz IV kaum oder gar nicht

Bio liegt in Deutschland im Trend. Der Umsatz mit vermeintlich umweltschonender produzierten und gesünderen Lebensmitteln hat sich von 2000 bis 2015 auf 8,62 Milliarden Euro mehr als vervierfacht. Das geht aus Veröffentlichungen des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft hervor.

Hartz-IV-Bezieher können sich solche Lebensmittel nur schwer leisten. Hätte Sascha Ruccola, Zucchini, Orangen, Parmesan, Champignons, Tomaten und Hähnchenbrust im Bioladen gekauft, wäre er zweieinhalbmal so viel Geld losgeworden wie im Discounter oder Supermarkt. Konkret: knapp 35 Euro statt rund 14 Euro.

Auch Malina macht nicht sonderlich große Abstriche. Sie kocht teils mit Lebensmitteln, die sie bereits vor der Woche gekauft hatte. Die Kosten zieht sie vom Budget ab. Dabei merkt Malina: Süßkartoffeln können sich Hartz-IV-Empfänger wohl nicht ohne Weiteres leisten.

In anderer Hinsicht hat Malina sogar etwas geschummelt. Mitte der Woche liegen abends auf einmal mehrere Pakte auf dem Boden ihrer Wohnung. Sie „musste“ sich ein paar Sachen bestellen – natürlich auf Rechnung.

Die eine schummelt, der andere hält sich zurück

Malina: "Das kann man sich definitiv nicht leisten"

Sascha verkneift sich ein paar Sachen

Hartz-IV-Empfängern ist es nur schwer möglich, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das merken Malina und Sascha schnell. Die Konzerttickets, die er sich für dieses Jahr besorgt hat, hätte er sich abschminken können. Und einmal ein Fest besuchen und es krachen lassen? Dafür müssten beide schon ordentlich sparen.

„Familien, die diese Leistung beziehen, müssen sehr sparsam sein, wollen sie zum Beispiel ein Fest wie das Schützenfest in Fulda besuchen“, sagt Lebensberaterin Niestroj. „Häufig lassen die Eltern nur die Kinder Karussell fahren, etwas essen und trinken. Sie selbst halten sich zurück. Oder die Familie bleibt ganz daheim.“ Das gehe Niedrigrentnern und Kleinstverdienern ähnlich.

Altersarmut droht

„SGB-II-Empfängern, die länger ohne Job sind, droht Altersarmut. Die Caritas hilft mit einer ‚Schuldner- und Budgetberatung für Senioren'“
(Monika Niestroj, Caritasverband für die Regionen Fulda und Geisa)

Das Leben abseits der gesellschaftlichen Mitte führt viele in Isolation und Einsamkeit. „Wenn ich wegen Geldnot am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen kann, ziehe ich mich immer mehr zurück“, sagt Monika Niestroj.

Etwas, worunter Malina und Sascha während des Experiments nicht leiden. Er hat kein Problem, mal eine Woche weniger zu unternehmen. Bei mehreren Wochen sähe das wohl anders aus. Sie nimmt Einladungen von Freunden an und bringt auf Partys einfach weniger mit. Ob das mit der Hartz-IV-Realität übereinstimmt, sei dahingestellt.

Experiment „Hartz IV“ neigt sich Ende zu

Für Sascha neigt sich das Experiment dem Ende entgegen – und damit sein Budget. Am Freitag musste er außerplanmäßig Geld für Benzin ausgeben.

Auch Malina hatte Reisekosten zu verkraften. Sie ist mit dem Zug nach Hanau auf einen Geburtstag gefahren. Von ihrem Hartz-IV-Budget hätte sie sich die Fahrt nicht leisten können. Ihre Mutter ist ihr zur Seite gesprungen.

Nur noch ein paar Euro für’s Wochenende

Sascha: "Für das Wochenende bleiben wenige Euro"

Malina startet mit Eis und Ofenkäse in die letzte Runde

Ein Thema, das beide für ihr Experiment ausgeklammert hatten, sind Klamotten. Wer kauft sich schon wöchentlich Kleidung und Schuhe? Malina vielleicht?

Sie investiert im Monat jedenfalls über 200 Euro in die Ausstattung ihres Kleiderschranks. Als Hartz-IV-Empfängerin wäre der wohl nicht so prall gefüllt. Für Kleidung und Schuhe blieben ihr im Monat nicht einmal 35 Euro.

Reicht Hartz IV für Kleidung und Schuhe?

Ein Alleinstender hat laut Regelsatz 412,32 Euro im Jahr für Kleidung und Schuhe zur Verfügung. Reicht das, um den Kleiderschrank für alle Jahreszeiten zu füllen?

Wir haben in drei Geschäften unterschiedlicher Kategorien geguckt, was eine Ausstattung zu regulären Preisen kostet – Jacke, Pullover oder Sweatshirt, T-Shirt, Jeans, Unterhose, Socken und Schuhe.

Kik: Alles außer Schuhe

Kik-Kunden können sich für 45 bis 60 Euro fast komplett einkleiden. Schuhe gibt es in dem Discounter allerdings nicht.

H&M: Maximal dreieinhalb Outfits

H&M ist auf den ersten Blick deutlich teurer als Kik. Ohne Berücksichtigung der Sonderangebote kostet dort ein Outfit mindestens um um die 115 Euro – Schuhe inklusive. Für unsere Modell-Outfit können H&M-Kunden jedoch problemlos auch mehr als 200 Euro ausgeben.

Karstadt: Zu teuer für Hartz IV?

Außerhalb der Rabattsaison fällt es Menschen, die Hartz IV beziehen, schwer, sich bei Karstadt ein Outfit zu leisten. Die günstigste Variante, die wir zusammengestellt haben, kostet gut 200 Euro. Die Kosten für einzelne Outfits übersteigen gar den Betrag des Regelsatzes, der auf das Jahr gerechnet für Kleidung und Schuhe vorgesehen ist.

Pizzaria dicht, Pleite abgewendet

Es ist Sonntagmitternacht. Das Hartz-IV-Experiment ist zu Ende. Malina hat noch 8 Euro auf der hohen Kannte. Wobei – eigentlich wäre sie deutlich in den Miesen. Sie hat Sachen auf Rechnung bestellt und sich mehrfach einladen lassen.

Bei Sascha sind noch 6,50 Euro übrig. Aber nur, weil er am Sonntag nicht abwarten konnte, bis die Pizzaria in der Nähe öffnet. Eigentlich wollte er sich dort etwas zu Essen holen. Am Ende hat er sich ein paar Brote geschmiert.

Das sagen Malina und Sascha über ihre Woche mit Hartz IV

Malinas Fazit: "Ich bin gescheitert"

Saschas Fazit: "Das würde öde"

„Für einige gibt es wenig Hoffnung“

Während Sascha und Malina nach sieben Tagen in ihr geregeltes Leben mit fester Arbeitsstelle zurückkehren, werden einige Hartz-IV-Bezieher den Rest ihres Lebens in dieser prekären Lage verbringen. „Bei etwa der Hälfte besteht Hoffnung, dass sie Hartz IV entkommen“, sagt Monika Niestroj vom Caritasverband. „Andere werden von Beschäftigungsmaßnahmen aufgefangen. Sie zählen zu den SGB-II-Empfängern, die einfach zu lange aus ihrem Beruf draußen sind.“ Für die gebe es erfahrungsgemäß wenig Hoffnung.

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Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)