Manuela hat Abschied genommen – von Eltern, Bruder und Freunden. Ihr Kampf gegen den Krebs ist vorbei. Aus den letzten Tagen und Stunden eines Lebens.

Es war ein langer, harter Kampf. Für Manuela hat er nun ein Ende. Vor einigen Tagen ist die 38-Jährige gestorben – in Gesellschaft ihrer Familie. Mehr als fünf Jahre hat sie an Krebs gelitten. Ende vergangenen Jahres raubte die Krankheit ihr einen großen Teil ihres Lebens.

Dennoch erklärte sich Manuela, gelernte Krankenschwester und im Kreis Fulda geboren, im Mai bereit, an einer Reportage teilzunehmen. move36-Reportage wollte zeigen, wie ein todkranker Mensch mit seinem Schicksal umgeht. Gibt es neben all den Strapazen auch schöne Momente? Wie kann es solchen Menschen gelingen, sich einen Teil ihres Lebens zurückzuholen?

Im Anschluss der Recherche hielt Manuela die Redaktion auf dem Laufenden. Wie geht es ihr? Was geschieht gerade? Welche Ziele hat sie? Nach ihrem Tod hat ihr Bruder mit move36 über die letzten Stunden seiner Schwester gesprochen. Dieser Text handelt von ebendiesen Stunden und den Wochen vor Manuelas Abschied. Dem Abschied einer Kämpferin.

Manuelas Krebs hat gestreut

Es ist Mitte, Ende Juli. Manuela meldet sich aus einem Krankenhaus in München. Der 38-Jährigen fällt das Atmen in diesen Tagen noch schwerer als zuvor. Zur Erklärung: Manuela litt an Brustkrebs. Irgendwann hat der Krebs gestreut. Metastasen haben sich unter anderem in der Lunge ausgebreitet.

Dadurch bildete sich Flüssigkeit in ihrem Brustbkorb, die auf die Lunge drückte, ihr die Luft nahm. Durch eine Drainage, die Ärzte Manuela operativ eingesetzt haben, konnte die Flüssigkeit ablaufen – das kann höllisch schmerzen.

In diesen Tagen scheint diese Behandlung nicht mehr die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Palliativversorgung bei Krebs
Manuela litt mehr als fünf Jahre an Krebs.

23. Juli 2017: „Es graut mir“

„Leider ist es mit der Luft so schlimm, dass ich Anfang der Woche verlegt werde, um eine zweite Drainage legen zu lassen. Da graut es mir sehr vor, weil das ja links wochenlange Schmerzen bedeutete.“

Dass Manuela im Juli diese Zeilen schreiben kann, ist zu Beginn des Jahres illusorisch. Zur dieser Zeit ist sie an Krankenhausbetten gefesselt gewesen. Sie hatte enorme Schmerzen. Es war ihr nicht einmal möglich, selbständig auf die Toilette zu gehen. Erst als sie Ende April auf die Palliativstation der St. Elisabeth Klinik in Hünfeld kommt, dort erhalten unheilbar kranke Menschen Hilfe, geht es wieder bergauf – dann aber deutlich. Dort wird Manuela richtig mit Schmerzmitteln eingestellt, sie bekommt eine Drainige in die linke Seite des Brustkorbes.

Manuelas Ziel

Es ist damals nicht klar, ob die 38-Jährige die nächsten Tage überleben würde. Kann sie bald wieder laufen, sich anziehen, ohne Hilfe essen? Manuela kriegt den Krebs ein Stück weit in den Griff, schöpft Mut, hat Ziele. Sie will unbedingt noch einmal möglichst lange, möglichst selbständig in ihrer Wohnung nahe Hamburg leben.

Dieses Ziel rückt ab Anfang Mai mal näher, mal duckt es sich komplett hinter dem Horizont weg. Im Juli scheint es utopisch. Laufen? „Wegen der Luft geht das gerade gar nicht.“ Dennoch bleibt Manuela unternehmenslustig. „Bei eurer Kanutour würde ich sofort mitmachen“, schreibt sie.

27. Juli 2017: „Einfach nur herrlich“

„Ich bekam vorgestern die zweite Drainage. Wir haben schon über 2,5 Liter rechts abgelassen. Seit heute geht es mir besser. War heute mit dem Gehwagen draußen und konnte so lange ums Krankenhaus herum spazieren wie schon ewig nicht. Das war gefühlt einfach nur herrlich – tausendmal besser als im Rollstuhl geschoben zu werden. Montag ist Entlassung geplant. Reha steht mir nicht zu – das hab ich heute erfahren. Nicht mit meinem Pflegegrad. Heftig!“

Eine Reha steht Ihnen nicht zu.“ Keine sonderlich erbauende Nachricht für einen Menschen, der wie Manuela gegen eine derart schwere Krankheit kämpft. Sie führt der 38-Jährigen vor Augen: Die Situation ist auswegslos.

2. August 2017: „Ich habe Respekt“

„Bin gerade noch in Hameln bei einem Freund. Ende der Woche geht es dann in meine Wohnung. Hab Respekt… Nun kann ich rechts und links Flüssigkeit ablassen. Noch schmerzt die Drainage sehr. Trotzdem ist die Luft nicht so doll.“

Noch einmal in die eigene Wohnung. Das ist das ganze Jahr Manuelas großer Wunsch gewesen. Bereits im Mai hatte sie einen Versuch gestartet. Ihr Bruder begleitete sie in den Norden. Nach ein paar – sehr schönen – Tagen musste die 38-Jährige jedoch zurück nach Hünfeld auf die Palliativstation. „Zum Aufpäppeln“, wie sie damals sagte. Die Luft bereitete ihr noch zu große Probleme.

Anfang August geht es also erneut in ihr Zuhause. Wie lange wird sie dieses Mal bleiben können? Wird es mit der Luft besser sein? Manuela ist skeptisch, die Euphorie ist gebremst.

19. August 2017: „Ich bin des Kämpfens müde“

„Ich bin nun seit eineinhalb Wochen in meiner Wohnung. Manches kann ich selbst, vieles nicht. Heute ist kein guter Tag und ich liege nur. Gestern habe ich sogar zwischen den Steinen etwas Unkraut gezupft und Wäsche gemacht. Es ist schön, zwischen den eigenen Sachen zu sein. Das ist wirklich richtig beruhigend und erdend. Meine Freundin nebenan macht einiges – sie macht momentan die offizielle Pflegeperson. Aber noch hat sie Urlaub und ist viel zuhause… wie es danach ist?? Momentan habe ich kein Ziel und bin des Kämpfens müde.“

Der Krebs bringt die Kämpferin ins Wanken

Der Krebs raubt Manuela nicht nur die Luft, sondern auch die Kampfeslust. Es liegt nicht in ihrem Naturell, die Brocken hinzuwerfen. Die 38-Jährige kann sich an jedem noch so kleinen Fortschritt aufrichten. Doch die Rückschläge werden häufiger und stärker. Sie bringen die Kämpferin ins Wanken.

21. August 2017: „Den Boden unter den Füßen weggezogen“

„Die letzten Tage waren wieder etwas besser und eigentlich wäre ab morgen ’ne Schulfreundin für drei Tage gekommen. Aber leider stimmt mit meiner neuen rechten Drainage was nicht. Muss morgen in eine Klinik hier, im schlimmsten Fall eine neue Drainage. Das hat mir gerade den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich mag keine Klinik mehr von innen sehen.“

Die neue Drainage funktioniert nicht richtig. Die Flüssigkeit kann nicht ablaufen. Sie drückt auf die Lunge. Manuela hat kaum Entlastung. Die 38-Jährige kommt in eine Hamburger Klinik, wird noch einmal operiert. Wenige Tage später geht es für sie auf die Palliativstation. Eine Woche nach ihrer letzten Nachricht an die Redaktion stirbt Manuela.

Am Tag vor ihrem Tod ist das Krankenhaus morgens nicht sehr optimistisch gewesen“, sagt Manuelas Bruder. „Sie fragten mich, ob ich wirklich kommen werde.“ Bis zum Mittag geht es der 38-Jährigen besser. „Als meine Eltern und ich angekommen sind, war Manuela energisch. Sie hat von ihrer Entlassung gesprochen.“ Seine Schwester wäre gerne im Rollstuhl in den Park gefahren worden, sagt Manuelas Bruder. Das sei jedoch nicht möglich gewesen.

In den Armen ihres Bruders

Manuela erlebt einen relativ schönen letzten Abend – sofern man das über das Ende eines Lebens überhaupt sagen kann. Drei Freundinnen sind zu Besuch im Krankenhaus. Auch ihr Bruder ist noch dort – er wird sie bis zum Schluss begleiten. „Wir haben etwas beim Italiener bestellt: Antipasti, Tiramisu“, sagt er. „Wir haben zusammen Wein getrunken und viel gelacht.“

In der Nacht bekommt Manuela eine Panikattacke – wegen ihrer Atemnot. Ab dem frühen Morgen geht es ihr besser. „Von fünf bis acht hat sie recht ruhig geschlafen, ich hatte sie im Arm“, sagt ihr Bruder. Zwischen acht und halb neun wird die 38-Jährige immer ruhiger, der Atem flacher. Mittlerweile sind ihre Eltern da. Gegen viertel vor neun entschläft Manuela – entspannt und ohne Schmerzen.

Manuela und ihr Bruder besuchten das Meer.
Manuela und ihr Bruder besuchten das Meer. (Foto: privat)

Manuela liebte das Meer, die Ostsee hatte es ihr angetan. In wenigen Tagen wird sie auf der See bestattet. Das ist ihr Wunsch gewesen.

Selbsthilfegruppen

„Wenn du selbst an Krebs leidest oder einen Menschen verloren hast, findest du in einigen Selbsthilfegruppen Osthessens Menschen, die dich unterstützen. Hier gelangst du zu einem Flyer mit Adressen und Telefonnummern der Gruppen. Mehr zum Thema Selbsthilfe erfährst du in unserer Themenwelt „Wir müssen reden!“.

QuelleFotos: Sascha-Pascal Schimmel
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Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)