Lutherkult und Jubiläumsfans – 500 Jahre Reformation

500 Jahre Reformation – der 31. Oktober ist in diesem Jahr kein gewöhnlicher Feiertag. Zum 500. Mal jährt sich der Thesenanschlag von Martin Luther. Eine ganze Dekade hat die Evangelische Kirche zur Feier ausgerufen, seit zehn Jahren dreht sich alles um Luther. Aber ist das im Sinne der Reformation?

Woran glaubst du? Das fragen wir unsere Leser für die Dezember-Ausgabe des move36-Magazins. Das fragten sich auch die Reformatoren vor 500 Jahren. Denn damals war die Kirche, wollen wir es mit Hamlet sagen, aus den Fugen. Sie predigen Wasser und trinken Wein, wurde den Kirchenvertretern landein, landaus vorgeworfen. Und wer sündigte, konnte sich mittels Ablassbriefen von seinen Vergehen freikaufen. Handelten sie so, wie sie glaubten oder zu glauben vorgaben?

„Der Schatz des Ablasses ist das Netz, mit dem man jetzt den Reichtum von Besitzenden fängt,“, war eine der 95 Thesen, in denen der Mönch Martin Luther damals seinem Frust Luft machte und analysierte, was seiner Meinung nach alles in der Kirche schief lief. Er war Teil der Reformationsbewegung, gab mit seinen Thesen den Anstoß, der sich dank des damals entwickelten Buchdrucks in Windeseile verbreitete. Es entstand ein wahrer Lutherhype mit Luther-Fanartikeln und fanatischen Anhängern, die Holzstücke aus dem seinem Wohnhaus herausbrachen. Ein wahrer Robbie Williams der Reformation. Ob Martin Luther damals abschätzen konnte, was er bewirkte? Ob er sich hätte träumen lassen, dass man sich seiner noch 500 Jahre später erinnert?

Die Reformation – das ist nicht nur Luther

Zumal Martin Luther nicht die Reformation in Person ist. Neben ihm gab es viele, die sich für ein Überdenken des Glaubens und der Kirche als Institution eingesetzt haben. Mikael Agricola (1509-1557) war einer von ihnen. Der Priester war der wichtigste Reformator Finnlands, studierte wie Luther in Wittenberg und wohnte sogar in dessen Haus. 1543 verfasste Agricola in Anlehnung an Luthers und Melanchthons Katechismus das ABC-Kiria und übersetzte die Bibel ins Finnische. Philipp Melanchton (1497-1560) gilt als wichtigster deutscher Reformator neben Martin Luther. Mit nur 21 Jahren wurde er von Friedrich dem Weisen an die Wittenberger Universität berufen. Heute tragen viele Schulen seinen Namen, denn er ging als „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) in die Geschichte ein, weil er die individuelle Betreuung der Studienanfänger einführte und großen Wert auf die Schulung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit seiner Studierenden legte. Seine Lehrbücher galten im 16. Jahrhundert als Standardwerke für die Schulen. Auch Thomas Müntzer (1489-1525) sollte man kennen. Der Priester aus dem Harz ging noch vor Luther auf Distanz zur katholischen Kirche. Seine Ansichten unterschieden sich von denen Luthers allerdings ebenso stark. Als Hauptvertreter der reformierten Theologie gilt Johannes Calvin (1509-1564), dem Ketzerei vorgeworfen wurde, weshalb er nach Frankreich flüchtete und später seine protestantische Theologie in Buchform veröffentlichte.

Seit 2008 feiert die Evangelische Kirche die Lutherdekade mit Festveranstaltungen, Vorträgen, Diskussionen, um sich aus heutiger Sicht mit der Reformation vor 500 Jahren zu beschäftigten. Und schaut man sich um, was rund um das Reformationsjahr so passiert, kommt schon die Frage auf, wie viel wir eigentlich aus der Geschichte gelernt haben. Denn den Fankult um Luther gibt es heute wieder. Nicht mit Ablass wird Geld verdient, sondern mit allen möglichen Fanartikeln, die man umso teurer verkaufen kann, nur weil Luthers Nase darauf gedruckt ist.

Unsere Luther-Fanartikel-Highlights

„Ich stehe hier, ich kann nicht anders“ – Der Satz, den jeder mit Martin Luther in Verbindung bringt. Er soll sie 1521 auf dem Reichstag zu Worms gesagt haben, auf dem er seine Thesen offiziell zurücknehmen sollte. Damals ging es um nichts Geringeres als Luthers Leben, denn natürlich waren Kaiser und Papst nicht glücklich darüber, dass das Volk sich plötzlich gegen eine ihrer großen Einnahmequellen auflehnte.

Heute prangt der Satz auf Kondompackungen, eine Aktion einer Jugendkirche, die allerdings viele gar nicht so witzig fanden.

Die Deutsche Luthersocke ist da weniger verfänglich. Auch Lutherkekse, Playmobilfiguren und Fußabtreter zur Reformation gibt es.


Und wem sich von all dem der Kopf dreht, der kann zu Lutherol greifen, auch wenn sich in der Packung natürlich keine Wundermittel, sondern coole Luther-Zitate verbergen.

Der Frage, was Glaube für uns heute bedeutet und welche Bedeutung Kirche in unserem Leben hat, nähern wir uns damit allerdings kaum. Denn die Thesen heute zu lesen, wird bei vielen große Fragezeichen über dem Kopf hervorrufen. Generell, sich heute in die Zeit von vor 500 Jahren hineinzuversetzen, dazu braucht es mehr, als ein paar Lutherkekse.

Woran glaubten die Menschen, wie wichtig war, was der Papst sagte, für ihr Leben? Warum kratzten auch arme Leute all ihr Erspartes zusammen, um sich ein Stück Papier zu kaufen, das ihnen ihre Sünden vergibt? Was bedeutete es für Luther, von der Kirche ausgestoßen zu werden?

Um dem ein bisschen näher zu kommen, haben wir für dich eine kleine Liste mit interessanten Aufarbeitungen zu Martin Luther zusammengestellt.

Den Crash-Kurs zu Luther gibt es bei TheSimpleHistory.

Die 95 Thesen neu zu interpretieren, das hat sich beispielsweise das Deutschlandradio zur Aufgabe gemacht. Herausgekommen sind spannende Diskussionen mit buddhistischen Nonnen, Mechatronikern, Rabbinerinnen, Schriftstellern, Kabarettisten und vielen Leuten, an die man bei der Beschäftigung mit Martin Luther nicht sofort denkt.

Eine kleine Annäherung an Luthers Leben hat Harald Lesch in Terra X gewagt.

Auf „Mein Jahr mit Luther“ beschäftigt sich der Historiker Achim Landwehr damit, warum das Reformationsjubiläum bereits beendet war, bevor es eigentlich starten konnte.

Natürlich hat auch die Evangelische Kirche ihre Lutherdekade digital begleitet. Auf der Seite Luther2017 findest du alles rund um die vergangenen zehn Themenjahre.