Der Tod: Welcher junge Mensch möchte sich schon mit ihm beschäftigen. Schwere Krankheiten können jedoch jeden – egal wie alt – aus dem Leben reißen. Was dann bleibt? Es gibt Ärzte, Pfleger und Helfer, dank derer der letzte Weg trotz des bevorstehenden Todes lebenswert wird.

Nora* ist für das, was ihr bevorsteht, eigentlich viel zu jung. Gerade einmal Anfang 20 ist sie. Dennoch blickt sie dem Tod entgegen. Wie lange sie noch leben wird: unklar. Der Krebs hat sich in ihrem Körper ausgebreitet. Geschwülste verursachen schlimme Schmerzen. Sie liegen so ungünstig, dass sie nicht entfernt werden können. Daher ist Nora auf Hilfe angewiesen.

Die fand sie bei Dr. Thomas Sitte und seinem Team. Sitte ist Palliativmediziner und Vorstandsvorsitzender der Deutschen PalliativStiftung, die in Fulda sitzt. Palliativmediziner und ihre Helfer rücken aus, wenn Heilung nicht mehr möglich ist. Ihnen gelingt es – mit zum Teil einfachsten Mitteln – das Leben schwerkranker Menschen deutlich zu verbessern, es wieder lebenswert zu machen.

„So kann man sterbenden Menschen palliativ helfen“

Als Nora vor mehr als einem Jahr Hilfe bei der PalliativStiftung suchte, war sie am Boden. „Sie hatte sich zurückgezogen, Freundschaften waren zerbrochen. Sie bewegte sich wegen der Schmerzen kaum noch. Sie war depressiv“, sagt Dr. Sitte. „Das Leben hatte für sie keinen Sinn mehr.“

Wie in einem Gefängnis

Die PalliativStiftung konnte Hilfe vermitteln. Sie arbeitet nach dem Motto: Zur Lust am Leben verführen. „Wir zeigen, dass wir uns um alles kümmern“, sagt Dr. Sitte. „Wir vermitteln Hilfsmittel und Pflegedienste. Zudem besprechen wir beispielsweise, was zu tun ist, wenn jemand nicht mehr sprechen kann. Und bei Problemen kann man uns immer anrufen.“ Somit sei Palliativversorgung ein umfassendes Sicherheitsversprechen.

In Noras Fall hieß das erst einmal, den fiesen Schmerzen den Kampf ansagen. Wegen ihrer Krankheit ist die junge Frau halbseitig gelähmt, ähnlich wie nach einem Schlaganfall. Sie kann mit einer Hand nicht richtig greifen. Die Schmerzen schränkten sie zusätzlich ein. Ihr Körper glich einem Gefängnis. Ausbrechen konnte sie ohne Hilfe nicht.

Der falschen Umgang mit lebensmüden Menschen

Herkömmliche Schmerzmittel wie Aspirin und Morphium hätten Nora nur noch mäßig geholfen, sagt Dr. Sitte. „In Fällen wie ihrem lindern Medikamente gegen Epilepsie, aber auch Cannabis die Schmerzen viel besser.“ Dabei gibt es jedoch ein Problem: Die Krankenkasse trägt die Kosten für Cannabis nur unter strengen Voraussetzungen.

„Wir mussten nachweisen, dass nichts anderes hilft und die Lebensqualität sonst deutlich schlechter wäre“, sagt Dr. Sitte. „Von daher ist es nicht schlecht, wenn man zeigen kann, dass Cannabis bereits geholfen hat.“

Nora gelingt der Ausbruch

Mit Hilfe der Deutschen PalliativStiftung startete Nora einen Heilversuch. Das Cannabis erhielt sie auf Rezept in Form von Tropfen aus einer Apotheke. Die Therapie schlug an. Ihre Muskeln entkrampften, die Schmerzen ließen nach. Daraufhin stellte Nora einen Antrag bei ihrer Krankenkasse – mit Erfolg.

Für die junge Frau ging es bergauf. Dank dieser Maßnahme, einer besseren Einstellung ihrer Medikamente und Physiotherapie konnte sie sich wieder schmerzfreier bewegen. Sie brach aus ihrem Gefängnis aus, verließ wieder das Haus. Auch zu ihren Freunden hat sie seitdem wieder mehr Kontakt.

Ohnehin, die Freunde: Sie sind enorm wichtg dafür, das Leben von schwerkranken Menschen wieder lebenswert zu machen. „Es gibt Berührungsängste mit kranken Menschen“, sagt Dr. Sitte. „Wenn ein Familienmitglied schwerkrank ist, brechen häufig Kontakte zu anderen ab. Deshalb versuchen wir, die Freunde wieder näher an den Patienten zu rücken.“ Im Einzelfall würden Hospizmitarbeiter enge Freunde direkt ansprechen. Wichtig sei, dass Besuche möglich seien.

Ebenso wichtig: die Familie der Patienten nicht aus den Augen zu verlieren. Sie leidet immens unter der Situation. „Wenn ein Kind einer Familie längere Zeit schwerkrank ist, sinkt das Familieneinkommen drastisch“, sagt Palliativmediziner Sitte. „Eltern können nicht mehr wie gewohnt ihrer Arbeit nachgehen.“

Außerdem kommen unter Umständen andere Familienmitglieder, zum Beispiel die Geschwister, zu kurz. Hospizmitarbeiter kümmern sich deswegen um sie. Sie verbringen Zeit mit ihnen, spielen und unternehmen etwas mit ihnen. Andere entlasten die Eltern, indem sie die gesunden Kinder zum Beispiel zum Fußballtraining fahren oder vom Kindergarten abholen. Es gibt auch Besuchsdienste für Oma und Opa.

Definition: Das bedeutet Palliativ

Palliativ oder Palliation steht für medizinische oder pflegerische Maßnahmen, bei denen es primär nicht um Heilung geht. Vielmehr sollen sie das Leiden des Patienten lindern. Er soll wieder besser am Leben teilnehmen können.

Wütend, verzweifelt – psychisch am Ende

Trotz dieser Unterstützung, das alles bleibt für die Eltern extrem belastend. „Sie schwanken zwischen Wut und Verzweiflung“, sagt Dr. Sitte. Elke Hohmann, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen PalliativStiftung sagt: „Es gibt Eltern, die psychisch und körperlich komplett am Ende sind.“ Man entfremde sich von der Welt, wenn man monatelang in Kliniken beim kranken Kind verbringe.

Hohmann ist eine Mutter in Erinnerung, die sich selbst stark vernachlässigt hatte, während sie sich um ihr Kind gekümmert hat. „Kleidung, Haare, Nägel und sich einmal etwas Gutes tun, spielten keine Rolle mehr“, sagt sie. „Als ihr Kind in einer anderen Klinik untergebracht wurde, besorgten ihr die Mitarbeiter erst einmal neue Kleidung. Einer ging mit ihr essen, damit sie etwas Ablenkung hat.“

Auch Palliativärzte, -pfleger und -helfer müssen auf sich achten. „Man muss als Arzt sehr aufpassen, man darf keine zu persönliche emotionale Bindung aufbauen“, sagt Dr. Sitte. „Empathie und Mitgefühl: unbedingt ja. Mitleiden: nein.“ Am Anfang sei das für ihn gar nicht gegangen, mittlerweile schon.

Eine große Gefahr

„Wenn das nicht gelingt, ist das eine große Gefahr für beide“, sagt Palliativmediziner Sitte. „Der Arzt interpretiert unter Umständen eigene Beweggründe in den Patienten herein. Die entsprechen nicht unbedingt dessen Bedürfnissen.“

Dr. Sitte und sein Team begleiten schwerkranke Menschen bis zum Schluss. Zuerst geht es darum, wieder besser am Leben teilzunehmen. Beginnt dann aber die akute Sterbephase, sprechen sie allen Mut zu. Sie reden über die anstehende Trauerfeier. Darüber, ob diese vielleicht anders als üblich abgehalten werden solle. So dass alle gut damit leben können.

Sarggeschichten: Wie macht man eine tolle Trauerfeier?

Den Sterbenden helfen sie mit zum Teil einfachsten Mitteln. Bei Trockenheit sprühen die den Mund mit dem Lieblingsgetränk aus. Das weckt schöne Erinnerungen beim Patienten, gibt ihm ein gutes Gefühl.

Ein berührender, bitter-süßer Moment

Schöne Erinnerungen und die Geborgenheit der Kindheit spielen für viele Menschen in der Sterbephase eine große Rolle. Elke Hohmann von der Deutschen Palliativstiftung erinnert sich an den letzten Wunsch eines Patienten. „Er wünschte sich nichts mehr, als noch einmal Milchreis zu essen, der so zubereitet ist, wie von seiner Oma.“

Andere schwerkranke Menschen möchten noch einmal alle ihre Freunde um sich herum haben. „Vor ein paar Jahren haben Freunde und Familie in einem Hospiz eine Feier zum 18. Geburtstag einer Patientin gegeben“, sagt Hohmann. „Alle sind dagewesen. Sie ließen es noch einmal richtig krachen.“ Das sei ein besonders berührender, ein bitter-süßer Moment gewesen. Jeder habe gewusst, dass es wohl der letzte Geburtstag ist, den sie zusammen feiern.

Wenige Monate nach ihrem 18. Geburtstag starb die junge Frau. Ein Foto von ihrer Feier zeigt sie lächelnd in ihrem Bett liegend. Es war ein schöner Moment am Ende ihres Lebens. Einen, den man auch Nora wünscht.

*Name von der Redaktion geändert

Sterbehilfe in Deutschland

Geschäftsmäßige Sterbehilfe ist in Deutschland seit Herbst 2015 verboten. Der Bundestag beschloss mit Mehrheit einen entsprechenden Gesetzentwurf, der von einer Abgeordnetengruppe um Michael Brand (CDU) aus Fulda und Kerstin Griese (SPD) vorgelegt worden war.

Michael Brand: „Darum bin ich gegen organisierte Sterbehilfe“

Dr. Thomas Sitte: „Diese Art der Sterbehilfe ist verboten“

Herr Brand, wollen Sie das Sterbehilfeverbot ausweiten?

QuelleFotos: Deutsche PalliativStiftung
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Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)