Am Donnerstag mutierte das Kreuz wieder für einen Abend zur Hochburg der Slam-Poeten. Insgesamt neun Dichter aus ganz Deutschland stellten sich dem Wettbewerb, der wie immer souverän von Lars Ruppel moderiert wurde.

Zu Beginn wurde das Publikum im vollen Kreuzsaal in das Regelwerk eingeweiht. Jeder Poet hat maximal sieben Minuten Zeit, Requisiten sind nicht erlaubt und ausschließlich eigenes geistiges Eigentum darf vortragen werden. Die Reihenfolge wird ausgelost und an fünf zufällig ausgewählte Zuschauer Bewertungstafeln mit den Zahlen von eins bis zehn übergeben, um die Auftritte zu bewerten und damit die Finalisten zu bestimmen. Aus den insgesamt drei Vorrunden qualifiziert sich jeweils einer. Der letztliche Sieger des Dichterwettstreits wird am Ende von allen Zuschauern via Applauss-Lautstärke gekührt.

Bevor der erste Wettbewerbsteilnehmer auf die Bühne gelassen wurde, spielte Lars Kuppel das „Opferlamm“ und stimmte mit einem Text aus seinem Buch, das Publikum auf den anstehen den Wettbewerb ein. Hierbei deckt er geschickt anhand einer Fabel, die an einem Teich spielt, die Inhalte der AfD auf.

In der Pause und nach der Show haben wir verschiedene Zuschauer gebeten, uns jeweils in einem Satz zu sagen, was sie von dem Abend mit nach Hause nehmen. Daraus ist folgender Text entstanden.

Meine Freundin hat die Karten gekauft

Wer bin ich eigentlich?
Eine Mischung aus Messwein, Strip-Club-Dollar, Einkaufswagen-Chip und Papierflieger.
Ein Wechselbad der Gefühle und ich verstehe keine Ironie.

Das war mein erstes Mal, ich habe Lust auf mehr.
Ich habe viel gelacht und gleichzeitig nachgedacht.
Für einen Moment dem Alltag entfliehen.
Wir sind nicht umsonst das Land der Dichter und Denker.
Hauptsache das Bier ist kalt.

Geh dein Leben spielerisch an.
Kunst ist keine Selbstverständlichkeit.
Ich wäre gerne selbst Poet.
Lehrer haben morgens Recht und mittags frei.
Österreicher sind nicht alle dumm.

Ein wirklich gelungener Abend.
Der perfekte Anlass für ein Tinder-Date.
Und dann heißt es die Jugend kann nix mehr.

Die erste Vorrunde

Der Erste im Wettbewerb ist Dominik Rinkart aus Kerben. Schnell wird klar, sein Text kann Spuren von Ironie enthalten. Er spricht über Dinge aus dem Alltag, die er nicht versteht. Zum Beispiel, warum Frauen mit Kopftuch nicht unterrichten dürfen, aber mit Schwarzwälder Bollenhut schon. Das Publikum bewertet seinen Auftritt mit 31 von 50 möglichen Punkten.

Der Zweite, Hauke Prigge aus Berlin, trägt einen Text für alle diejenigen vor, die das Leben gerne spielerischer angehen würden. Im Verlauf des Textes spielen immer wieder Brecht, Goethe und eine Vielzahl weiterer bekannter Dichter eine Rolle. Sein Fazit: Die ganze Welt ist eine Bühne. Habt die Bretter, die die Welt bedeuten doch nicht einfach vor dem Kopf. Vom Publikum gab es dafür 39 Punkte und um es vorweg zu nehmen, den Einzug ins Finale.

Als letzter in der ersten Vorrunde trat Peter Ritzheim aus Koblenz ins Scheinwerferlicht und erklärt in seinem vorgetragenen Text mit dem Titel „Besserwisser“, warum Lehrer seiner Meinung nach unbeliebt sind. Anhand des Beispiels, dass auf deutschen Autobahnen der Blinker vom Voranzeiger meist zum Nachanzeiger wird, zeigte er, dass er selbst ein ganz anderer Lehrertyp ist und bekommt dafür 38 Punkte.

Die zweite Vorrunde

Die zweite Vorrunde eröffnet Bastian Maierhofer aus Berlin. Er ist gebürtiger Österreicher und rutscht am Anfang den Mikrofonständer etwas nach rechts, als Anspielung auf die Wahlen. Sein Text, den er wild gestikulierend vorträgt, „Wenn die Natur ruft“ sei eine wahrheitsgetreu erfundene Geschichte, die garantiert so nicht passiert ist. Es geht um einen Abend in einer Bar, den Heimweg inklusive „Lullutanz“ und den Morgen danach. Die Message: Habt Spaß. Dafür gab es 42 Punkte.

Der fünfte Poet ist Justin Busse aus Berlin. Schon nach den ersten beiden Sätzen war es im Saal so leise, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Seine zittrige Stimme transportierte unglaubliches Gefühl und sorgte damit bei so manchem Gast für Gänsehaut. Sein Thema: Depression. Erklärt anhand seiner eigenen Lebensgeschichte. Er habe stets nach dem großen Glück gesucht, mehr ausgegeben als einzunehmen, um falschen Freunden zu gefallen und wurde alkoholabhängig. Daraufhin trennten sich Freunde und Familie von ihm, er wurde obdachlos und erst beim Versuch, sich im Grunewaldsee umzubringen, wurde er wieder klar. Mittlerweile könne er das kleine Glück wieder spüren, und wenn er mit seinem Text nur einem Zuschauer im Raum helfen konnte, hätte es sich für ihn gelohnt. Das Publikum würdigt den Auftritt mit einem langanhaltenden Applaus und 44 Punkten.

Die zweite Vorrunde beendete Lea Weber aus Karben mit einem Text über eine Situation, die sie in einer U-Bahn erlebt hat. Sie versetzt sich in einen taubstummen Fahrgast hinein und spricht aus dessen Ich-Perspektive. „Seitdem ich denken kann, trage ich ein Universum hinter meinen Lippen.“ Das Besondere: Sie übersetzt den Text parallel in Gebärdensprache. Dafür gibt es 46 Punkte und den Einzug ins Finale.

Die dritte Vorrunde

Die letzte Vorrunde beginnt mit Ole Bechthold aus Frankfurt und zwei kleinen „Herzscheiße“-Texten. Der Kampf mit der Welt handelt von der Situation, wenn dich Gefühle überrennen und der Freiheit, wenn du jemanden findest. In „ein Teil von mir“ reflektiert Ole sein Verhalten in Beziehungen, in denen er Fehler oft bei anderen sucht. Das gibt vom Publikum 42 Punkte.

Als Vorletzter und zugleich Lokalmatador des Abends geht Falco Jana aus Fulda ins Rennen. Er spricht darüber, wer er ist und veranschaulicht das anhand von Metaphern wie „Ich bin der Schrei, der in ihrer Kehle stecken bleibt.“ Das Publikum bewertet mit 37 Punkten.

Den Abschluss machte Skog Ogvann aus Leipzig. Sein erstes kurzes Gedicht handelt von einem Klapperstorch, thematisiert den Geburtenrückgang und macht von Anfang an klar, in welche Richtung die folgenden Minuten gehen. Es wird sehr lustig und das mit Niveau. Im zweiten Text, der aufgrund des andauernden Lachens des Publikums mehrfach unterbrochen werden musste, geht es um ein im Wald geborenes Kind namens Waldemar und dessen Leben. Die Moral von der Geschichte: Bist du zu lange auf dem Klo, ist das nicht gut. Das Publikum bewertet mit insgesamt 47 Punkten und dem Einzug ins Finale.

Das Finale

Im Finale setzte sich Smog Ogvann gegen Lea Weber und Hauke Prigge durch. Die Preise für die Finalisten wurden im Publikum eingesammelt. An diesem Abend waren das ein Strip-Club-Dollar, ein Papierflieger, ein Einkaufswagen-Chip und ein Petersberg-Aufkleber.

Der nächste Poetry Slam im Kreuz findet am 14. Dezember statt.

QuelleFotos: Benedikt Reinisch
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