Die Skandinavier sind sexuell bekanntlich sehr offen – bei der Akzeptanz von Homosexuellen landeten sie bei einer aktuellen OECD-Studie auf den obersten Plätzen, Deutschland auf Platz 12 unter 35 Staaten. Da überrascht es nicht, dass ein norwegischer Sender nun echten Aufklärungssex im TV für Teenager ausstrahlen möchte. Ein gewagter, aber richtiger Schritt. 

Die Medien sind voll von sexuellen Anspielungen – sei es in Werbung, Casting-Shows oder Serien. Man müsste meinen, jeder Teenie hätte heutzutage den vollen Durchblick in Sachen Sex. Doch weit gefehlt. Um die Aufklärung ist es schlecht bestellt, wie uns Ärzte und Pädagogen immer wieder für diverse Magazingeschichten bestätigt haben. In der Schule werde das Thema nach wie vor stiefmütterlich behandelt, sagt der Fuldaer Sexualpädagoge Torsten Wiegand von pro familia. Sex kennen die meisten Jugendlichen vor dem eigenen ersten Mal nur aus Filmen oder Pornos.

Eine Gegendarstellung zu Pornos

Hollywood inszeniert den Sex stets ungemein erotisch, als perfekte Verschmelzung zweier Körper; auf Pornhub geht’s dreckig, derb und lange zur Sache. In den jugendlichen Köpfen mixen sich so irreale Erwartungen und Unsicherheit zusammen. Und die Wahrheit? Dass Sex eben auch mal plump, ungelenk und kurz sein kann, erfahren Teenies höchsten von ehrlichen Eltern, die hier keine Berührungsängste mit ihren Kindern haben.

Um den jungfräulichen Mädels und Jungs zu zeigen, wie echter Sex läuft, sucht der öffentlich-rechtliche Sender NRK nun im Internet und auf Werbeplakaten Norweger zwischen 18 und 35 Jahren, die bereit sind, vor der Kamera miteinander zu schlafen. Einige hätten sich bereits gemeldet, wie der zuständige Redakteur Håkon Moslet angibt. Im Dienste der Aufklärung soll die Sendung „Line fikser kroppen“, die ab November ausgestrahlt wird, eine bewusste Gegendarstellung zum aufgemotzten Porno-Sex und überzogen-sinnlichen Kino-Kuscheln werden.

Hier ein No-Go?

Auch hierzulande gab es schon mal Sex im TV zu Aufklärungszwecken, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Aber die Skandinavier trauen sich deutlich mehr. Acht- bis Zwölfjährigen wurde in der Wissenschaftssendung Newton ungeschminkt und mit so vielen Bildern wie möglich die Pubertät erklärt: Zungenkuss-Übungen mit angebissenen Tomaten, Selbstbefriedigung oder nachgespielter Sex mit Vagina und Penis aus Gummi samt Tipps wie, dass die Frau feucht genug sein muss, damit es richtig läuft. Auch die Periode wurde mit blutigen Tampons erklärt – da kennen die Skandinavier nix.

Bilder, die hier vermutlich für Entrüstung gesorgt hätten – was nicht zuletzt daran liegt, dass die Skandinavier nicht so religiös sind. Dennoch könnte sich die deutsche TV-Landschaft mal ein Beispiel daran nehmen. Kinder sind gnadenlos ehrlich, und so sollte man ihnen zumindest in diesem Kontext auch begegnen – denn Sexualität ist erst mal nicht Gefährliches. Zwölfjährige wissen, wozu Sex da ist. Sie wissen, wie Geschlechtsteile aussehen und sich anfühlen – sie haben schließlich selbst welche. Und sie haben Sex auch schon gesehen – in Pornos auf dem Smartphone. Und sie wollen ernst genommen werden.

Mehr Lockerheit bitte

Warum also nicht nur im TV, sondern auch im Schulunterricht echten, unaufgeregten Sex zeigen? Jugendliche, oder überhaupt Menschen, reagieren in erster Linie auf Bilder – und lernen mit ihnen. So lassen sich beispielsweise auch die Übertragungswege von Geschlechtskrankheiten besser erklären. Damit Jugendliche besser aufgeklärt sind, wäre mehr Lockerheit in Sachen Sex wünschenswert. Verklemmte Erwachsene haben wir genug – die von Morgen würden es denen von heute danken, wenn sie sich mal locker machen würden.