Essen. Für die einen die normalste Sache der Welt. Für Jana eine Horrorvorstellung. Denn entweder hungerte die heute 35-Jährige, die bis 2016 die Band Luxuslärm managte, oder sie fraß. Binge Eating nennt sich das. Ihr Roman „Das Mädchen aus der 1. Reihe” war ihr erster Schritt, sich selbst zu helfen und helfen zu lassen. Heute startet sie gemeinsam mit David Müller alias Batomae auf ihre Crossover-Lesetour „Musik trifft auf Roman“. In unserer Novemberausgabe hat sie von ihrer Essstörung erzählt.

Jana, was ist Binge Eating, was passiert da mit dir?

Essstörungen in eine Schublade zu packen und zu sagen „Das ist Binge Eating, das ist Anorexie, das ist Bulimie“, ist in meinen Augen völliger Scheiß. Man kann das nicht so abstecken. Es ist das Gefühl, dass man mit dem Essen überfordert ist. Essen ist nicht die normalste Sache der Welt, wenn man an einer Essstörung leidet. Ich habe Phasen, in denen ich fresse und kotze, ich habe Phasen, in denen ich hungere, und ich habe Phasen, in denen ich fresse und es drin bleibt. Diese Essstörungen gehen einfach fließend ineinander über. Das Essen bestimmt dein Leben.

Kontrollverlust?

Genau. Wenn ich so einen Fressflash habe, könntest du mich hinterher fragen: Hey, was hast du alles gegessen? Ich kann es dir nicht sagen. Es kommt dann nur noch darauf an, möglichst viele Kalorien in möglichst kurzer Zeit zu essen.

 Wann kam der Punkt, an dem dir klar war: Ich brauche Hilfe.

Das war 2014. Wenn ich Fressphasen habe, bin ich unausstehlich. Ich werde ungerecht mir gegenüber, weil ich mich mit Essen wirklich quäle. Ich bin aber auch ungerecht meinem Umfeld gegenüber. Ich war damals Managerin einer deutschen Popband. Gerade auf Tour beim Catering, das ist die Hölle. Du hast die tollsten Speisen in irren Portionen vor dir; das ist das Schlaraffenland. Aber du darfst nicht essen, denn ab dem kleinsten Bissen Zucker – das ist mein Trigger – drehe ich durch. Mein bester Freund war der Bassist, und er hat alles abbekommen. Er war immer der liebste und netteste Mensch, der sich immer um mich gesorgt und bemüht hat. Er war aber auch mein Ventil, denn gerade bei besten Freunden hat man weniger Angst, dass man sie verlieren könnte.

 Bis zu einem bestimmten Punkt …

Ja. Irgendwann war ich einfach so scheiße zu ihm, dass ich Angst bekommen habe, dass er weg ist. Zu Recht! Da war mir klar: Ich kann das nicht mehr mit mir allein ausmachen, sonst verliere ich den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Und dann habe ich mir alles von der Seele geschrieben und ihm den Text geschickt. Als ich die Mail gesendet hatte, wollte ich sie am liebsten zurücknehmen. Ich hatte Angst, dass er mich eklig findet. Stell dir mal vor, du erzählst jemandem: Ich fresse mich bis zur Bewusstlosigkeit und halte mir dann den Bauch vor Schmerzen. Ich hätte jedes Verständnis dafür, wenn das jemand eklig findet.

Wie hat er reagiert?

Er hat mir mit Musik geantwortet und den Song „Unvergleichlich” geschrieben. Ich liebe Musik und finde, das ist die schönste Sprache der Welt. Der Song beantwortet eigentlich alle Fragen aus meinem Buch. Es geht darum, sich ständig nicht gut genug zu fühlen. Immer sind die anderen besser, schlanker, schöner, schlauer, konsequenter, disziplinierter. Man vergleicht sich ständig; seit Facebook, Instagram und Co. sogar noch mehr. Das ist der pure Wahnsinn. Da ich mir „Unvergleichlich“ echt zu Herzen genommen habe, bin ich da zum Glück nicht mehr ganz so anfällig. Aber vorher war ich genau wie die Mädels, die mir jetzt über den Blog schreiben.

Du hast in deinem Vlog erzählt, dass du ständig mit deinen Ängsten kämpfst. Was gibt dir Kraft?

Ganz ehrlich? Mein bester Freund. Freundschaften sind das wundervollste der Welt. Einem Freund willst du nicht gefallen, zu einem Freund oder einer Freundin kannst du bedingungslos ehrlich sein. Du kannst sein, wie du bist.

Mehr zu Jana

Das ganze Interview liest du in der Novemberausgabe des move36-Magazins.

Jana Crämer und David Müller alias „Batomae“ sind mit der Crossover-Lesung „Musik trifft auf Roman” ab 16. November quer durch Deutschland unterwegs. Die Termine findest du auf Janas Blog endlich-ich.com, der auch darüber hinaus einen Blick wert ist.

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In unserer move36-Reportage stellen wir zwei junge Frauen aus Fulda vor, die gegen die Magersucht kämpfen.

QuelleFoto: Ben Wolf
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Buchstabendompteurin im Dienste der move36-Redaktion mit einem besonderen Blick auf gesellschaftliche Brennpunkte der Region.