Staubig und uralt, antiquiert und schnarchlangweilig. Selbsthilfe hat ein verdammt schlechtes Image – gerade bei Jugendlichen. Doch die Vorurteile sind falsch. move36 zeigt dir seit Mai in einer eigenen Themenwelt, was Selbsthilfe wirklich heißt, und warum sie auch dich angeht. Wir ziehen Zwischenbilanz. „Wir müssen reden!“

„Themen rund um die Selbsthilfe bei move36, das riecht nicht nach Altenheim. Geschichten über Mobbing, Essstörungen oder Borderline, die bleiben im Gedächtnis, sorgen für einen Dialog“, stellt move36-Chefredakteur Bernd Loskant zum Auftakt der Impulsveranstaltung „Wir müssen reden! Junge Selbsthilfe in Osthessen“ am Mittwoch klar. Rund 100 Gäste im Marmorsaal des Fuldaer Stadtschlosses wollten wissen: Wie sensibilisiert man die Jugend für Selbsthilfe? Wie kämpft man gegen das negative Image an? Mit dabei waren Vertreter der Selbsthilfegruppen in Osthessen, von BARMER und der Parität, der Kommunalpolitik, von move36-Partnerschulen, das komplette Team von move36 und „Wir müssen reden!“-Schirmherr Stefan Grüttner, hessischer Sozialminister.

15.000 und 95 Prozent

Eins vorweg: „Das ist kein einfaches Projekt. Auch wenn das Magazin move36 an vielen Schulen zum Unterrichtsmaterial gehört, ist es keine Selbstverständlichkeit, die Aufmerksamkeit der jungen Zielgruppe zu bekommen“, so Walter Lorz, Geschäftsführer des move36-Herausgebers OBCC. Der Schlüssel sei eine authentische Berichterstattung und die Präsenz in verschiedenen Medien auf unterschiedlichen Endgeräten. Dass „Wir müssen reden!“ die selbst gesteckten Ziele bei weitem übertroffen hat, zeigt Lorz mit zwei Zahlen: 15.000 und 95 Prozent. 15.000 Aufrufe hat der Imageclip zum Auftakt des Projekts in nur einer Woche bekommen. „Diese Reichweite kennen wir sonst nur aus Blaulichtberichten.“ 95 Prozent der Leser einer move36-Scrollytelling-Reportage verfolgen die jeweilige Geschichte bis zum Schluss. Bei klassischen News-Websites steigt jeder Zweite schon vorher aus, so Lorz.

Selbsthilfe befreit

Schirmherr Stefan Grüttner ist begeistert vom Selbsthilfe-Projekt. „Es ist unglaublich viel erreicht worden. Die Beteiligten haben da einen Nerv getroffen. Wir müssen reden! Diese Aussage hat großes Gewicht.“ Häufig bestehe im Kleinen oder Großen Redebedarf. „Und es ist so befreiend, wenn man sich die eigenen Sorgen von der Seele reden kann und dann auch noch einen Rat bekommt, der einem Perspektiven aufzeigt.“ Grüttner betont, wie wichtig es ist, die Selbsthilfe noch weiter in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Leute in deinem Alter würden denken, Selbsthilfegruppen seien dafür da, um sich selbst zu bemitleiden. „Weit gefehlt. Im selben Boot zu sitzen, verbindet.“ Der positive Wert sei vor allem für junge Leute wie dich von unschätzbarer Bedeutung. „Ich bin der festen Überzeugung, dass ‚Wir müssen reden!‘ weit über Hessen hinaus Anklang findet. Es ist ein Leuchtturm, ein Vorbild für andere.“

Endlich sagt’s mal jemand

Und was sagt die Zielgruppe? Was sagst du zu „Wir müssen reden!“? „Endlich traut sich mal jemand, dieses Thema anzusprechen. Das Feedback kriegen wir“, sagt Walter Lorz. Die Mehrheit der Jugend ist offen und interessiert, wenn es um Selbsthilfe geht. Das zeigt auch das move36-Pilot-Event an der Richard-Müller-Schule. Am 27. September ging’s um Stress. Aber wie den Teufelskreis durchbrechen? Das haben kurze Impulsvorträge und ein anschließendes World-Café gezeigt. „Von allen Seiten lastet enormer Druck auf den Jugendlichen“, sagt Hubert Krah, Lehrer an der RiMS. „Die Schüler haben jetzt den Mut, eigene Schwächen anzusprechen. Die Veranstaltung sollte auf jeden Fall wiederholt werden.“

„Wir geben gerne Geld aus“

Partner des Projekts sind die Parität und die BARMER. Beide sind überzeugt von „Wir müssen reden!“ und betonen die Bedeutung der Selbsthilfe. „Menschen, die bereit sind, sich selbst zu helfen, nehmen auch ihr Leben selbst in die Hand. Sie weisen auf Missstände hin, sind hartnäckig“, lobt Andreas Beck, Geschäftsführer der Paritätische Projekte gGmbH. Selbsthilfegruppen, so sagt er, halten die soziale Landschaft auf Trab und praktizieren lebendige Solidarität. Norbert Sudhoff, Landesgeschäftsführer der BARMER Hessen, hält die Selbsthilfe in Deutschland für unterschätzt. „Deshalb freue ich mich über jeden Antrag, der reinkommt und den wir bewilligen können. Wir geben gern Geld aus und werden die Selbsthilfe auch im nächsten Jahr kräftig finanziell unterstützen.“

Selbsthilfe bei der move36?

Einer zeigt sich überrascht von „Wir müssen reden!“. Fuldas Bürgermeister Dag Wehner meint: „Ich war erstaunt zu sehen, dass sich move36 dem Thema annimmt. Ich war skeptisch, ob das in der jungen Zielgruppe überhaupt von Bedeutung ist.“ Das ist es.